The Tran Quoc pagoda in Hanoi

Veröffentlicht in ASEAN News von Alex Kaymer am 10.10.2019

Asia News: Das asiatische Jahrhundert beginnt

Im Jahr 2020 werden die asiatischen Volkswirtschaften größer sein, als alle Volkswirtschaften im Rest der Welt zusammen.
Ökonomen, Politikwissenschaftler und Emerging-Market-Experten sprechen seit Jahrzehnten über das asiatische Zeitalter, welches angeblich einen Wendepunkt in der Geschichte markieren wird, wenn der Kontinent zum „neuen Zentrum der Welt” wird. In Asien leben bereits mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Von den 30 größten Städten der Welt liegen 21 nach UN-Daten in Asien. Bis zum nächsten Jahr wird Asien auch die Hälfte der weltweiten Mittelschicht beherbergen, definiert als Haushalte mit einem täglichen Pro-Kopf-Einkommen zwischen 10 und 100 Dollar bei einer Kaufkraftparität (KKP) aus dem Jahr 2005. Damit werden im nächsten Jahr die asiatischen Volkswirtschaften, gemessen an der KKP, zum ersten Mal seit dem 19. Jahrhundert größer werden als alle Volkswirtschaften im Rest der Welt zusammen. Um dies in Relation zu setzen: Noch im Jahr 2000 trug Asien „nur“ etwas mehr als ein Drittel zur Weltproduktion bei.

Die Financial Times hat die Daten zusammengetragen und untersuchte die IWF-Daten auf der Grundlage des Bruttoinlandsprodukts, bereinigt um Preisunterschiede in den einzelnen Ländern. Diese Methode, die die Wirtschaft durch KKP bewertet, gilt weithin als die relevanteste Maßnahme, da sie berücksichtigt, was die Menschen tatsächlich in Entwicklungsländern kaufen können, wo die Preise oft billiger sind.

Asien widersetzt sich trotz seiner schwierigen Geographie und einer noch schwierigeren Geschichte dem globalen Trend zur Handelsfragmentierung und wird stattdessen immer stärker wirtschaftlich durch Handel, Investitionen und Tourismus vernetzt.
Durch die Wiederbelebung und Reformierung der durch die USA aufgegebenen Trans-Pazifik-Partnerschaft (TPP) konnte das unter asiatischer Führung neuverhandelte „Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership (CPTPP)“-Abkommen Anfang dieses Jahres in Kraft treten.
Gespräche der ASEAN-Gruppe mit den sechs Staaten, mit denen bereits Freihandelsabkommen bestehen, über das „ (RCEP)“ schreiten ebenfalls voran. Die „RCEP Region“ umfasst potenziell mehr als 3 Milliarden Menschen oder 45% der Weltbevölkerung und ein Bruttoinlandsprodukt von etwa 21,3 Billionen Dollar, was etwa 40 Prozent des Welthandels ausmacht. Das bisher anhaltende Wirtschaftswachstum, insbesondere in China, Indien und Indonesien, könnte dazu führen, dass das Gesamt-BIP von RCEP bis 2050 auf über 100 Billionen Dollar steigt. Hinzu kommt, dass nach Abschluss der Verhandlungen weitere Staaten teilnehmen können.

Woher kommt jedoch der „unaufhaltsame Aufstieg“ der asiatischen Staaten gegenüber dem Rest der Welt? Der Aufstieg Chinas und Indiens erklärt einen großen Teil dieses Trends. China ist heute eine größere Volkswirtschaft in KKP als die USA und trägt in diesem Jahr 19 Prozent zur Weltproduktion bei, mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2000. Indien ist heute die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit einem BIP, das etwa doppelt so groß ist wie das von Deutschland oder Japan, die beide im Jahr 2000 auf KKP-Basis über größere Volkswirtschaften verfügten als Indien.

Der bevorstehende Eintritt der Welt in ein asiatisches Zeitalter erfolgt nicht nur aufgrund ihrer beiden größten Volkswirtschaften, sondern auch dank des Wachstums der kleineren und mittleren Länder. Indonesien ist auf dem besten Weg, bis 2020 die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt nach KKP zu werden. Vietnam, eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Asiens, hat seit dem Jahr 2000 17 Länder in einer Rangliste der Ökonomien in Bezug auf KKP überholt, darunter Belgien und die Schweiz. Die Philippinen sind heute eine größere Volkswirtschaft als die Niederlande, während Bangladesch in den letzten 20 Jahren 13 Länder überholt hat.

Der jüngste Aufstieg Asiens, der mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Japans nach dem Krieg begann, stellt eine Rückkehr zu einer historischen Norm dar. Asien dominierte die Weltwirtschaft für den größten Teil der Menschheitsgeschichte. Ab dem 18. Jahrhundert, änderte sich die Vormachtstellung Asiens in der Welt, als die westlichen Volkswirtschaften in Schwung kamen, angetrieben von dem, was Wissenschaftler als die wissenschaftliche Revolution, Aufklärung und die industrielle Revolution bezeichnen. Europa veränderte sich dramatisch, der Rest der Welt nicht.

Aber in den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Trend wieder umgekehrt. In dieser Zeit wurden inAsien hunderte Millionen Menschen aus der Armut geholt, und viele asiatische Volkswirtschaften sind nach den Definitionen der Weltbank auf ein mittleres Einkommen oder einen fortgeschrittenen wirtschaftlichen Status übergegangen. Asien bleibt ärmer als der Rest der Welt, aber die Kluft wird kleiner.

Die neue Zusammenführung von Infrastrukturinitiativen, Handelspakten und anderen Gruppierungen wird die panasiatische Koordination bei der Konnektivität und Handelsliberalisierung stärken. Dies wiederum kann dazu beitragen, einen positiven Zyklus von gegenseitigem Gewinn und engerer Integration zu fördern.

Eine stärker integrierte asiatische Gemeinschaft - eine Gemeinschaft, die Industrie- und Entwicklungsländer sowie verschiedene Wirtschaftssysteme zusammenführt - könnte auch die Dynamik und die Modalitäten für eine Wiederbelebung des Multilateralismus auf globaler Ebene bieten. Lösungen, die an die unterschiedlichen Bedingungen in Asien angepasst wurden, können sich als nützliche Vorlagen für den Rest der Welt erweisen.

Trotz allem ist das nachhaltige Wachstum Asiens in diesem Jahrhundert nicht vorherbestimmt. Die Führer Asiens werden auf ihrem Weg viele Risiken und Herausforderungen bewältigen müssen.